Der Umzug und die Depression

Seit 6 Jahren nun wohne, lebe, lerne ich in England. Als ich 14 war sind wir umgezogen. Es war damals eine schwierige Zeit für mich, ich wollte nicht wegziehen. Von meinen Freunden, meiner Schule, meiner gewohnten Umgebung, meiner Heimat. Ich bin Deutscher, hab mich immer so gefühlt und fühle auch immer noch so.

Damals hab ich versucht jeden Kontakt nach Deutschland zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Mit meinen Freunden hatte ich regelmäßig telefoniert. Hab sogar freiwillig während meiner Ferien meine alte Schule besucht, beim Unterricht mitgemacht.

Ich hatte mich auch in der Design AG der Muslimischen Jugend in Deutschland beworben, dadurch hatte ich jede Woche Kontakt zu Muslimen in Deutschland aus verschiedenen Städten, einige waren sogar so wie ich im Ausland.

Als 14-15 Jähriger kannte ich niemanden wirklich in meinem Freundschaftskreis und meines alters, der wirklich ins Ausland gezogen ist. Ich war wohl etwas depressiert und sehr melancholisch gestimmt.

Ich erinnere mich in den Nächten der ersten Wochen  eine kleine Karte meines Bezirks gezeichnet zu haben. Kurz vor dem Umzug bin ich quer durch verschiedene Bezirke gelaufen, von Kreuzberg nach Mitte, von Kreuzberg durch Neukölln genauer bis nach Britz. Ich wollte mir meine Heimat in mein Gehirn brennen.

In England kannte ich niemanden,  die ersten paar Wochen gab es sehr oft Gänge in die Bibliothek, ob Alex Rider und Artemis Fowl oder Harry Potter und Inkheart, alles was mich in eine andere Welt saugen konnte wurde ausgeliehen.

Im September war ich der neue, ja ich hatte noch meinen jüngeren Bruder, aber dass hat es nicht wirklich besser gemacht. Alhamdulillah, hab ich schnell neue Freundschaften schließen können. Meine Klassenkameraden waren ganz nett und haben mich schnell aufgenommen. Klar für eine ganze Weile und eigentlich bei einigen immer noch war ich “the German”, “Germ-an” all in good fun of course. Obwohl ich nach einen ganz bestimmten Freund wohl der einzige Deutsche sein würde, den er mögen würde. Ich wusste nicht so recht ob ich dass als Kompliment oder Beleidigung auffassen sollte.

Die Schule war ziemlich gemischt, einen großen Anteil Pakistanisch-stämmigen SchülerInnen und Afrikanische und Karibisch-stämmige waren auch in großer Zahl vorhanden.

Es sollte auch noch einen deutschen geben, den hab ich leider nur 2-mal gesehen und nur einmal mit ihm sprechen können. Mit neuen Freunden und einer Gruppe mit der ich mich gut verstehen konnte, in der Schule und außerhalb, hab ich mich eingelebt. Deutschland vermisse ich immer noch 6 Jahre später, aber nicht mehr so dolle wie damals.

Es ist normal sich nervös, traurig, schlecht, leicht depressiert zu fühlen, wie ich es tat wenn man umzieht. Sei es auch nur auf die andere Seite des Bezirkes oder in eine andere Stadt, anderen Staat, Land oder gar Kontinent (wie meine Eltern es eig. vor hatten). Was aber wichtig ist, ist sich nicht gehen zu lassen. Sich mit anderen darüber zu unterhalten. Vielleicht Kontakte mit anderen die auch hergezogen sind zu knüpfen. Die Schönheit des Ortes an dem du jetzt bist sehen zu können. Es wird mit jedem weiterem Tag leichter sich damit abzufinden, und den Regenbogen wortwörtlich zu sehen.

Der Prophet saw. liebte Mekka, es war die Stadt in der er saw. aufgewachsen ist, die meiste Zeit seines gesegneten Lebens verbracht hat, wo die Ka’aba ist. Durch den Boykott musste er saw. die Stadt seines Herzens verlassen. Es gibt einen Hadith in At-Tirmidhi, der ungefähr besagt dass, als er saw. die Hijra anfing sich umdrehte und sagte, “O Mekka, Ich weiß du bist das meist gesegnete Land Allahs. Wenn deine Einwohner mich nicht dazu gezwungen hätten dich zu verlassen, so würde ich es niemals getan haben”

Es ist nicht falsch eine Stadt, oder ein Land zu lieben, aber es gibt grenzen.  So steht auch im Quran “Siehe, zu denjenigen, welche gegen sich selbst gesündigt hatten, sprechen die Engel, wenn sie sie fortnehmen: Wozu gehört ihr? Sie sagen: Wir waren die Hilflosen im Land. Sie sprechen:  Ist nicht Allahs Land weit genug, so dass ihr hättet auswandern können” [An-Nisa 4:97] und in einem andere hadith heißt es “…egal wo die Gebetszeit eintrifft, sollst du beten, denn die ganze Erde ist eine Moschee” [Bukhari]

Daraus sollten wir lernen, dass es egal ist wo auch immer du dich aufhältst, wie wurden dazu erschaffen Allah zu dienen. Überall auf der Welt wirst du Brüder und Schwester finden, die mit dir verbunden sind, nur weil sie genauso wie du auch an den einen Gott glauben.  Du wirst niemals allein sein, Allah swt. ist immer da und er ist der beste Planer.

Etwas länger geworden als ich mir es gedacht habe, ich dachte mir ich teile mal wie es mir damals ergangen ist als wir umgezogen sind. Vielleicht hilft es jemanden inshaAllah.

Mein erster Post auf Deutsch Juhuuu! Naja wollte ich schon seit längerem aber es ist nie was zustande gekommen. Ich hoffe mein Deutsch ist noch nicht so am Ende, dass man gar nichts versteht. Und wenn doch dann Pech gehabt weitere werden inshaAllah folgen das müsst ihr dann halt ertragen.

wa Salam,

Abdur-Rahman

Mu610

About Mu610

22 year old German Muslim currently studying at Bradford University in the UK. Born in Marburg, raised in Berlin and spent 5 years in Nottingham then moving to Bradford in September '12. Is fluent in German and English and has some knowledge of French and Arabic, has an interest in learning Japanese, Italian, Spanish, Russian, Chinese and maybe Urdu for now.

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